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Clara
(1861-
 
 Müller
1905)
 
 
 
Spinnlein
 
Maiblumen pflückt ich mir einen Strauß
und brachte ihn abends mit nach Haus
 
und stellte ihn in ein Wasserglas
auf den Schreibtisch neben mein Tintenfaß -
 
und schlief und träumte von Blumenblühn,
von Wogenrauschen und Waldesgrün,
 
und als die Sonne ins Zimmer sah,
welch lieblich Wunder beschien sie da:
 
ein Spinnlein, das ich vergangene Nacht,
im Strauß verborgen, mit heimgebracht,
 
war seiner duftigen Haft entronnen
und hatte ein schimmerndes Netz gesponnen;
 
das schwankte nun zwischen dem Blumenglas
und dem Liederbuch über dem Tintenfaß.
 
Da lacht ich: du willst eine Dichterin sein -
und die Spinnen spinnen dein Tintfaß ein?
 
So laß es gelten als freundliches Bild:
Das Lied, das dir frisch aus der Seele quillt,
 
schreib es nicht nieder mit Stift und Stahl, -
gib es dem leuchtenden Sonnenstrahl
 
und sing es hinaus in die blühende Welt ...
Nachsingen mag es, wem es gefällt!