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Annette von
(1797-
 
 Droste-Hülshoff
1848)
 
 
 
Am vierundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
(23ten nach Dreifaltigkeit)
 
 
Vom Zinsgroschen. »Sage uns also, was deucht dich? ist es erlaubt, dem Kaiser Zins zu geben, oder nicht?« - Ihr Heuchler! was versucht ihr mich? - Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!«
 
 
 
Gebt Gott sein Recht und gebt's dem Kaiser auch!
Sein Odem ist's, der um den Obern schwebet;
Um Hochmut nicht, um Eigenwillen hebet
Nicht eure Rechte gen geweihten Brauch.
Doch Gott und Welt im Streit: da, Brüder, gebet
Nicht mehr auf Kaiserwort als Dunst und Rauch.
Er ist der Oberste, dem alle Macht
Zusammenbricht, wie dürres Reisig kracht.
 
Den Eltern gib, und gib auch Gott sein Recht!
O weh des Tiefgesunknen, dem verloren
Der frömmste Trieb, jedwedem angeboren,
Den Freisten stempelnd zum beglückten Knecht.
Doch stell' den Wächter an der Ehrfurcht Toren
Und halte das Gewissen rein und echt;
Er ist der Vater, dem du Seel' und Leib
Verschuldest, mehr als irgend Mann und Weib.
 
Den Gatten lieb' und denk an Gott dabei!
Er gab den Segen dir, als am Altare
Den Eid du sprachst, gewaltig bis zur Bahre
In Fesseln legend deine Lieb' und Treu.
Doch wird die Liebe Torheit, o dann wahre,
O halte deine tiefsten Gluten frei!
Er ist es, dem du einer Flamme Zoll
Mußt zahlen, die kein Mensch empfangen soll.
 
An deine Kinder hänge nur dein Herz,
In deren Adern rollt dein eignes Leben;
Das Gottesbild, in deine Hand gegeben,
Es nicht zu lieben, wäre herber Schmerz.
Doch siehst du zwischen Glück und Schuld es schweben,
Wend' deine Augen, stoß es niederwärts;
Er, über tausend Kinder lieb und hehr,
Er sieht dir nach, ist deine Seele schwer.
 
Und auch dem Freunde halte Treue fest,
Mit der die Ehre innig sich verbunden,
Ein irdisch Gut, was Gnade doch gefunden,
Solang es nicht die Hand der Tugend läßt.
Doch nahen glänzender Versuchung Stunden,
Dann aller Erdenrücksicht gib den Rest
Und klammre an den einen dich, der jetzt
Dir Freund und Ehre tausendfach ersetzt.
 
So biete jedem, was sein Recht begehrt,
Und nimm von jedem, was du darfst empfangen;
Dein Herz es mag an zarten Banden hangen,
Die Gottes Huld so gnadenvoll gewährt;
Doch drüber wie ein Glutstern das Verlangen
Nach einem leuchte, irdisch unversehrt,
Nach einem, ohne den dein Herz so warm,
Ewig verlassen bliebe doch und arm!